Dhun – Der Tonstrom

In der Wissenschaft der Spiritualität gibt es verschiedene Theorien, die Simran (Wiederholung oder Erinnerung) und Dhyan (Kontemplation) betreffen. Betonung wird auf den Simran gelegt, der dem Schüler durch einen Meister gewährt wird. Die Kontemplation über die Form des Meisters leitet hin zum größten Gut.

Erfolgreicher Simran führt zu Dhyan und erfolgreicher Dhyan zu Bhajan oder dem Hören auf Shabd (den Tonstrom). Diese Stufe wird auch als Bhajan in der Sprache der Heiligen bezeichnet. Er wird von der Seele gehört. Er wird auch Shabd Yoga oder die Methode des Surat Shabd Yoga genannt.

Die Leute werden von zwei Dingen angezogen, namentlich von Form und Ton. Der Ton, selbst auf der physischen Ebene, hat eine größere Anziehungskraft. Ein Reh legt seinen Kopf auf eine Trommel nieder, denn es findet ihren Klang unwiderstehlich. Diese Melodie übt sogar eine noch größere Faszination auf das menschliche Gemüt aus. Die Menschen beginnen, im Rhythmus zu schwingen, wenn sie Musik hören.

Jede Religion hat Betonung auf Musik oder Kirtan gelegt (Das Singen von Hymnen in der Begleitung von Instrumenten). Kirtan war vorherrschend in Indien während der Vedischen Zeit. Sogar heute singen die Hindus Hymnen in Lobpreisung Gottes zur Begleitung von Glocken, der Meeresschnecke, usw.. Die Sikhs legen auch große Betonung darauf. Die Christen läuten die Glocken und singen süße und melodische Hymnen. Buddhisten haben ihre Tempelglocken. Die Sufis hängen auch ungemein an Musik.

Bhai Gur Das sagt:

Solange das Gemüt von äußeren Klängen angezogen wird, kann sich die Seele nicht hingezogen fühlen zum Wahren Ton im Innern. Durch das Hören auf die äußeren Töne wird der Mensch in den Sumpf der Ignoranz geführt, so wie das Reh durch den Klang der Trommel weggeleitet wird.

Deshalb erklären die Sikh-Schriften ausdrücklich, dass

Solange der Mensch seine Aufmerksamkeit nicht von der äußeren Musik zurückzieht, kann er keine Ruhe finden am Hofe des Herrn.

Adi Granth Sahib – Var. Mah. 4.8:49-7

Der Wahre Ton im Innern wird hervorgebracht ohne die Hilfe von Händen und Füßen und unterscheidet sich von den sieben Noten der Musikskala. Tatsächlich liegt er jenseits dieser Noten. Aufgrund des Mangels an hoch vergeistigten Menschen und aufgrund des Nichtbefolgens Ihrer Lehren, verharren die Leute im Allgemeinen befriedigt mit den äußeren Tönen. Die äußerliche Musik hilft zweifellos, bis zu einem gewissen Grad Konzentration zu erreichen. Jedoch ist sie ohne Hilfe dabei, jemanden in die feineren Regionen im Innern zu führen. Das Ergebnis ist, dass man innerhalb der vier Wände der drei Gunas (Eigenschaften) bleibt und somit den wahren Zweck des Lebens verfehlt. Es ist allein die Innere Musik, die einen jenseits der Sphäre der drei Gunas bringt und wahre Glückseligkeit gewährt.

Die Schriften sagen uns, dass der Tonstrom beständig widerhallt im Innern eines jeden Menschen. Dies ist der Grund, warum er der unaufhörliche Kirtan genannt wurde (das Singen von Hymnen im Innern, das wahrhaftig das Hören des Shabd oder des Tonstroms im Innern bedeutet). Dies ist der Grund, dass die Sants das äußere oder physische Singen von Hymnen oder das Spielen von Musikinstrumenten nicht gutheißen.

Muslimische Fakire haben auch Betonung gelegt auf das Hören des Tons im Innern.

Sie haben gesagt:

Es ist bedauerlich, dass du gefesselt bist an die Freuden der Sinne und nicht hörst, auf die reine Stimme des Barmherzigen Herrn.

Zu lauschen dem Ton von Naam oder Shabd und in Ihn zu verschmelzen ist das einzige Mittel, um Gottheit zu erlangen und dieser Ton ist beständig widerhallend innerhalb der Stirn. Er kann nur vernommen werden durch die Gemeinschaft mit Sants und durch das Befolgen Ihrer Lehren. Dies allein kann uns Gemütsfrieden und ewiges Glück verleihen. Der Schlüssel zum Schatz von Naam, mit all seinen begleitenden Vorteilen wurde in die Hände der Sants gelegt. Wer immer Ihre Instruktionen einhält und Ihre Führung als den Weg der Wahrheit akzeptiert, entdeckt diesen Schatz.

Obwohl dieser Ton in jedem menschlichen Wesen widerhallt, kann Er nicht von jedem gehört werden. Um imstande zu sein, Ihn zu hören, muss man zuerst von einem Meister initiiert sein und dann das Hören im Innern praktizieren, gemäß den Anweisungen des Meisters. Der Wahre Ton ist das Monopol der Gurumukhs allein (die, welche des Gurus Anweisungen folgen) und Er verleiht ihnen viele Vorteile.

Während die äußere Musik das Gemüt beruhigt, stumpft sie die Seele ab. Mit anderen Worten erweckt sie das Gemüt, doch legt sie die Seele in Schlaf. Durch das Lauschen auf den Inneren Ton jedoch, wird die Seele, die für Zeitalter in tiefem Schlummer lag, erweckt und das Gemüt in Schlaf gelegt. Es gibt keine bessere Methode, das Gemüt zu bändigen als das Hören auf den Ton. Nur dann wird es gelassen und ruhig.

Die weitaus beste und höchste Form der spirituellen Praxis ist, den Simran auszuüben, mit der Zunge der Gedanken, Kontemplation über die Form des Meisters zu üben, mit dem Auge der Seele (dem Einzelauge) und auf den Tonstrom zu hören, mit dem Ohr der Seele (dem Inneren Ohr). Dies ist der einfachste, schnellste und sicherste Weg, um dauerhafte Resultate zu erzielen. Ein Kind, eine junge oder eine betagte Person kann dies ohne jegliche Schwierigkeiten tun.

Diese drei Schritte der Praxis können vollbracht werden durch das Zurückziehen seiner Aufmerksamkeit von den neun Ausgängen des Körpers und deren Fixieren am Zehnten Tor oder Daswan Dwar dem Augenzentrum, das der Hauptsitz der Seele im Körper ist.

Die Yogis haben den Ashtang Yoga (den Achtfältigen Pfad) als ein Präludium zur spirituellen Praxis beschrieben. Die acht Teile bestehen aus Neti, Dhoti, Vasti, Neoli, usw. und dann aus Purak, Kumbhak und Rechak (Einatmen, den Atem anhalten und langsam Ausatmen). Sie konzentrieren sich hernach am Rektumzentrum und erlangen gewisse übernatürliche Kräfte. Dann fixieren sie ihre Aufmerksamkeit auf das Zeugungszentrum und erlangen noch mehr Kräfte; dann auf das Herzzentrum und danach auf das Kehlzentrum. Schließlich erreichen sie ihr Ziel, nämlich Kanj Kamal oder das Zentrum zwischen den beiden Augenbrauen. Dort ergreifen sie den Anahad Shabd und erreichen die erste spirituelle Region, Sahansdal Kamal oder Kanwal. Die fünf unteren Zentren leiten ihre Kraft vom sechsten Zentrum ab, welches sich innerhalb der Stirn befindet.

Im wachenden Zustand wird der menschliche Körper durch die Energie des Augenzentrums kontrolliert, so dass die Sants die obigen Methoden nicht empfohlen haben, da diese Methoden schwierig sowie gefährlich in der Ausübung sind. Überdies drücken sie die Aufmerksamkeit abwärts unter ihre bereits höheren Hauptsitze.

Aus diesem Grunde lehren uns die Sants, vom Augenzentrum aufwärts zu steigen, anstatt unsere Aufmerksamkeit zuerst in die unteren Zentren zu zerren.

Shamas-i-Tabrez hat diese fünf unteren Zentren oder Chakren als das Grab des Körpers bezeichnet.

Er sagt:

Wie wundervoll wäre es, würden wir bei Einbruch der Dunkelheit unser Leben zurückziehen von dem Grabe des Körpers und es aufwärts führen.

Deshalb untersagen uns die Sants, in den unteren Zentren zu praktizieren, denn dies wäre wie das Hinabsteigen ins Erdgeschoss von der zweiten oder höheren Etage, um ein oberes Geschoss zu erreichen. Die Methode, die uns von den Sants gelehrt wird, ermöglicht es uns, unsere Reise vom sechsten Zentrum aus zu beginnen, das auch bekannt ist als Tisra Til oder Drittes Auge. Und dies ist der Grund dafür, dass Sie Wert darauf legen, die drei Hauptsinnesströme, die unsere Aufmerksamkeit nach unten ziehen, unter Kontrolle zu halten, nämlich die Zunge, die Augen und die Ohren.

Das Resultat spiritueller Übung ist, dass die Seele konzentriert wird am Zentrum zwischen den beiden Augen und den Anahad Shabd ergreift. Mit anderen Worten vereint es die Ströme, die von den zwei Augenpunkten entspringen und bringt die Aufmerksamkeit aufwärts zu den Sternen, der Sonne und dem Mond. Dann, durch das Hören auf den Klang der Glocke und des Muschelhorns, erreicht die Seele Sahansdal Kanwal. Sie steigt dann auf nach Trikuti, Daswan Dwar und Bhanwar Gupha und erfreut sich der verschiedenen Sehenswürdigkeiten und Lichter dieser Regionen. Von hier aus geht sie nach Sat Lok (Sach Khand) und von dort nach Alakh, Agam und schließlich nach Anami, welches die höchste Region der Spiritualität ist.

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Fußnote: