Was ist Karma?

Bevor wir in der Lage sind, die Lehre oder das Prinzip der wunschlosen Handlung zu verstehen, müssen wir verstehen, was wirklich durch das Wort ‚Handlung‘ gemeint ist. Handlung bedeutet etwas Getanes. Bevor du etwas tust, gibt es einen Wunsch, eine Absicht oder einen Drang in deinem Gemüt. Der Wunsch wird zuerst innerhalb des Gemütes gebildet, und dann wird er im Äußeren ausgeführt. Ein einfaches Beispiel wird dies verdeutlichen:

Eine Person hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass sie wünschte, eine andere Person zu töten. Dies erzeugte seine Absicht oder innerliche Handlung. Um diesen Wunsch auszuführen oder zu erfüllen, nahm sie eine Waffe und tötete den Menschen. Dies war die äußerliche Ausführung dieser innerlichen Handlung. Die innerliche Handlung sendet bestimmte Ströme aus – die Auswirkungen sind in der Aura, auch wenn man die Handlung nicht äußerlich ausführt –, so dass sie einen tiefen Eindruck nicht nur auf seinen Verstand hinterlässt, sondern auch eine Unruhe in der Umwelt um ihn herum verursacht.

Wir sollten daher immer sorgfältige Wache halten über unser Gemüt und überlegen, wie wir den Zustand des wunschlosen Handelns erreichen können. Die Lehren der Sants und jene, die in unseren religiösen Schriften enthalten sind, befähigen uns, die richtige Wahl zu treffen. Das Handeln spielt eine große Rolle in Spirituellen Angelegenheiten. Ein Mann hat einen physischen Körper, aber er handelt durch sein Gemüt. Egal welche geistige Haltung einer hat, sie wird im Handeln manifestiert.

Der Gedanke ist der Grundton für unseren Erfolg,

wurde von dem großen Philosophen Emerson gesagt.

Daher werden die Handlungen eines Menschen durch seine Gedanken gelenkt. Und gute oder schlechte Handlungen sind die Ergebnisse des gleichen Grades an guten oder schlechten Gedanken, welche er unterhält.

Folglich wird jemand ein guter Mensch oder ein schlechter als Ergebnis seiner guten oder schlechten Handlungen. Und all dies wird in Übereinstimmung mit den eigenen Wünschen getan. Handlungen also, formen unser Leben in tugendhafte oder üble Richtungen, so lange wie wir solche Handlungen mit Begierde durchführen.

Alle Religionen haben großen Wert auf wunschlose Handlungen gelegt. Die Bhagavad Gita, oder das Lied des Herrn, ist reichlich mit Lehren der Wunschlosigkeit oder der wunschlosen Handlung versehen.

Es heißt:

In dieser Welt sollte man Zuflucht in Gott nehmen, nachdem man auf alle Wünsche und alle Handlungen, die sich daraus erheben, verzichtet.

Die Hindu Philosophie lehrt auch, dass es, um die Erlösung zu erlangen, notwendig ist, sich von allen Wünschen und Früchten aller weltlichen Handlungen, die durch solche Wünsche verursacht werden, zu befreien. Die gleiche Lehre der karmalosen Handlung ist in allen heiligen Büchern enthalten.

In Kapitel 6, Vers 29 der Bhagavad Gita finden wir:

Das Ziel des menschlichen Lebens ist es, dass ein Mensch sein Gemüt zur yogischen Handlung verwenden sollte. Er sollte brüderliche Gedanken für alle Mitmenschen haben und sich als in allem enthalten betrachten, während alles ihn durchdringt.

Kapitel 18, Vers 51

Lord Krishna sagt:

O Arjuna, unter dem Einfluss deines Egos glaubst du, dass du nicht kämpfen solltest. Diese Idee von dir ist trügerisch, denn die Handlung, welche du nicht durchzuführen wünschst, wirst du tun müssen unter dem Zwang deiner Natur.

Es ist sehr schwierig, die grundlegenden Prinzipien des Karma Yogas zu verstehen. Man wird zwei Standpunkte finden:

Einer ist, dass eine Handlung nur durch Absicht oder Wunsch durchgeführt werden kann, und ohne diese keine Handlung ausgeführt werden kann – denn wann immer eine Person handelt, ist es schwierig für sie, sich von dem Gedanken an eine Belohnung oder Bestrafung zu befreien. Wenn eine Person daher wünscht, eine wunschlose Handlung durchzuführen, kann sie dies nur durch die vollständige Loslösung von der Welt tun.

Die Gita sagt auch, dass es nicht möglich ist, die äußeren Handlungen aufzugeben, solange die innerlichen Wünsche nicht vernichtet sind. Eigentlich ist ein Wahrer Sanyasi – religiöser Einsiedler – einer, der all seinen Wünschen entsagt hat. Solange ein Mensch nicht einen solchen Zustand der Wunschlosigkeit erreicht hat, sollte er handeln und die Folgen all seiner Handlungen in den Händen seines allmächtigen Vaters lassen. Auf diese Weise wird er nicht den Folgen seines Handelns unterliegen. Darüber hinaus sollte er sich in der Spirituellen Praxis üben gemäß den Anweisungen eines Vollkommenen Meisters, denn wenn er einigen Fortschritt auf dem Spirituellen Pfad gemacht hat, werden seine Karmas beginnen zu verschwinden.

Wenn es notwendig wäre, auf alles in dieser Welt zu verzichten, um den Zustand der Wunschlosigkeit zu erhalten, wäre es für jeden außerordentlich schwierig, wenn nicht unmöglich, fähig zu sein, dies zu tun. Sehr wenige wären in der Tat in der Lage, dies zu erreichen, und alles Lob würde ihnen zufallen.

Im Moment haben wir jedoch zu überlegen, wie die große Mehrheit der Menschen, welche eine solche Entsagung als jenseits ihrer Reichweite erachtet, wunschloses Karma erreichen sollten. Für solche Menschen ist es notwendig, alle Handlungen im Namen Gottes auszuführen.

Um die Befreiung von den Fesseln des Karmas zu erlangen, wäre es für solche Menschen notwendig, sich mit der Spirituellen Praxis entsprechend den Anweisungen eines Vollkommenen Meisters zu befassen und sich den Geist der Hingabe an den Herrn und Meister einzuprägen.

Eigentlich sind alle Aktionen, die unter dem Einfluss des Egos ausgeführt werden – ob gut oder schlecht – gleichermaßen verantwortlich für die Banden der Verhaftung, welche ein Individuum an diese Welt binden. Selbst in der Gita heißt es, dass gute und schlechte Handlungen gleichermaßen verantwortlich dafür sind, einen Menschen zu binden. Die Fesseln mögen aus Eisen sein oder mögen aus Gold sein, aber beide haben die gleiche Wirkung der Bindung. Gute Handlungen mögen uns vorübergehend eine Belohnung im Himmel, und schlechte Handlungen mögen uns die Bestrafung der Hölle bringen, aber die Gebundenheit der Seelenwanderung bleibt. Solange ein Mensch sich als der Handelnde ansieht, wird er von den Ketten des Karmas niedergedrückt.

Ein Mensch, der allen Wünschen und Früchten all seiner Handlungen entsagt, wird unabhängig von allen Handlungen und deren Folgen.

O Arjuna, einer, dessen Gemüt keinen Gedanken hat, dass ‚ich es tue‘, und dessen Gemüt nicht in weltlichen Bindungen und weltlichen Begierden vertieft ist, solch eine Person – auch wenn er jeden töten sollte – tötet niemanden und ist nicht gebunden durch die Folge seiner Handlung.

Gita, Kapitel 18, Vers 17

Zu sagen ‚Ich bin tatenlos‘ ist einfach, aber in der Lage zu sein, diesen Zustand zu erreichen, ist am schwierigsten.

O Arjuna, entsage allem Eigeninteresse und betrachte Belohnung und Bestrafung als gleich. Befasse dich mit der Spirituellen Übung und führe dann die Handlung aus. Eine solche Handlung ist frei von Wirkung, und du solltest all deine Handlungen auf diese Weise durchführen.

Gita, Kapitel 2, Vers 49

Ein Mensch, welcher den Gemütszustand erreicht, ist sowohl frei von Sünde als auch von Tugend.

Du solltest, o Arjuna, immer auf diese Weise handeln, denn es ist diese Art von Handlung, welche ‚Karma Yoga‘ genannt wird, die Wissenschaft der karmalosen (ohne Re-Aktion) Handlung.

Gita, Kapitel 2, Vers 50

Jene Menschen, welche Karmas (Handlungen) auf diese Weise ausführen, sind befreit von den Fesseln der Seelenwanderung und erlangen die Höchste Form der Erlösung.

Gita, Kapitel 2, Vers 51

Dann fragte Arjuna:

O Herr, wenn du meinst, dass die Loslösung des Gemüts besser ist als Karma, warum wirfst du mich dann in den Strudel der Handlungen?

Lord Krishna antwortet:

Der Mensch wird nicht karmalos (ohne Handlung), indem er einfach Handlungen entsagt oder sie nicht ausführt, denn ein Mensch kann nicht einmal für eine Sekunde leben ohne eine Handlung auszuführen. Die geistigen Ströme schaffen Handlungen im Menschen zu jeder Zeit. Einer, der gewaltsam sein physisches Selbst unterdrückt, Handlungen auszuführen, täuscht sich selbst, denn sein Gemüt kann nicht dauerhaft auf diese Weise davon abgehalten werden. Daher ist der Mensch wirklich groß, welcher sein Gemüt überwindet, indem er es von weltlichen Wünschen zurückzieht und so mit einem desinteressierten handelt, so weit die Frucht der Handlung betroffen ist, aber mit einem interessierten nur im Dienste an den Herrn handelt. Er führt seine vorgeschriebenen Pflichten aus, wie es in seiner moralischen und religiösen Vorschrift angezeigt ist, denn zu handeln ist weit aus besser, als nicht zu handeln. Der Körper wurde uns gegeben zu dem Zwecke der Handlung, sowohl innerlich als auch äußerlich.

Gita, Kapitel 3, Verse 1, 4, 6, 7, 8

Handlung ist dem Gemüt und dem Körper innewohnend. So lange das Gemüt nicht überwunden ist, ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, karmalos zu sein. Das Gemüt ist ruhelos. Es ist unmöglich, es selbst für eine Sekunde reglos zu machen. Daher ist es unmöglich für irgendjemanden, frei von geistiger oder physischer Handlung zu sein.

Wir müssen zum Vorteil unseres eigenen Körpers und zum Vorteil anderer handeln. Anderenfalls wären wir eine Last für die Gesellschaft. Daher ist es grundlegend für Menschen zu handeln. Die Geschichte zeigt, dass Sants immer solche Handlungen ausgeübt und befürwortet haben. ‚Handlungslos‘ zu bleiben, während die Handlung das Haupt-Rätsel ist, welches klar verstanden werden muss.

Ein Mensch, der sein Gemüt überwunden hat, wird in der Lage sein, seine physischen Handlungen zu kontrollieren. Einer, der frei von Verhaftung und Hass ist, ist ein echter karmaloser Mensch. Die Gita legt großen Wert auf das Ideal, sich dem Herrn hinzugeben, um handlungslos zu werden.

Was immer du tust, was immer du isst, was immer du gibst, was immer du verehrst, was immer für Bußen du verrichtest, o Arjuna, gebe sie alle mir hin, denn indem du dies tust, wirst du frei sein von den Auswirkungen der Handlungen (du wirst handlungslos sein) und, den Pfad der Entsagung überschreitend, wirst du Befreiung erlangen und in mir aufgehen.

Gita, Kapitel 9, Verse 17, 18

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Fußnote: Siehe auch das Buch ‚Das Rad des Lebens‘, von Kirpal Singh, 1894–1974.