Die Hilflosigkeit des Materialisten

Wir stellen fest, dass ein Materialist, obwohl er alle Mittel und Materialien besitzt, nicht die endgültigen Ziele erreicht, die er wünscht. All seine materiellen Besitztümer ermöglichen es ihm nicht, dies zu tun. Er wird dann hilflos. Er nimmt er keinen Hoffnungsschimmer wahr in der Dunkelheit seines Scheiterns. Er mag nichts. Sein Leben wird ihm zur Last. Er fühlt kein Interesse am Leben und in seiner Verzweiflung kann er Selbstmord begehen. Er lebt wie ein Leichnam ohne Leben. Im Vergleich dazu bemüht sich ein Mensch, der die Wirklichkeit kennt, (um) weltlichen Reichtum zu erlangen, aber wissend, dass der Herr die letzte Ursache aller Ursachen ist, überlässt er Ihm die Früchte und gibt sich gerne Seinem Willen und Seinem Wohlgefallen hin. Der Herr mag tun, was immer gut für ihn ist, denn nur der Herr weiß, was gut für uns ist (siehe Kapitel über Wille, Hukam und Schicksal). Wenn das Ergebnis seinen Wünschen entspricht, ist er dankbar. Wenn es gegenteilig ist, unterwirft er sich freudig, denn er weiß, dass, was immer geschieht, im Einklang ist mit der Ordnung und dem Willen des Herrn. Er bittet bei jedem Schritt um die Hilfe des Herrn, weil er weiß, dass es immer etwas gibt, das außerhalb der Reichweite seiner eigenen Bemühungen liegt. Auf diese Weise um Hilfe zu rufen, wird Gebet genannt.

In Wirklichkeit ist das Gebet das Sammeln und Beruhigen der Wellen des Gemütes am inneren Zentrum1. Wenn irgendein Wunsch im Gemüt aufsteigt oder man durch irgendein weltliches Gebrechen beunruhigt ist, denkt man in seinem Herzen an die Kraft des Herrn und baut auf Ihn für Inspiration. Das Herz des Menschen ist der Wohnsitz des Herrn. Der Herr ist das große Vorratshaus der Kraft. Er ist das Wahre und vollkommene Ideal. Kontemplierend über Ihn gewinnt ein Mensch Frieden in sich selbst und wird kraftvoll. Wenn er diese Kraft erhält, ist er imstande, sich Wege zu überlegen, um aus seinen Schwierigkeiten herauszukommen. Das Gemüt bekommt die Kraft, sich anzustrengen. Durch das Darbringen von Gebeten wird das Gemüt auf einen Punkt ausgerichtet2. Ein Geduld spendender Gedankenstrom wird erzeugt, der einen Menschen wach und aktiv macht. Er entwickelt Gewohnheiten der Geduld, Zufriedenheit und Nachsicht und erwirbt Mut und Kraft, (um) mit diesen (den) Schwierigkeiten zu begegnen. Dies sind die Früchte des Gebets.

Die Weisen wissen, dass es eine große Stärke gibt in der Seele des Menschen. Das Gemüt ist mit der Seele verknüpft. Daher, wenn die Wellen des Gemütes beruhigt sind, geraten sie unter den Einfluss der Seele und gewinnen hieraus Stärke. Die Seele ist bewusst und kraftvoll, da sie ein Teil des Herrn ist. Der Herr durchdringt sie. Der Mensch betrachtet sich selbst als begrenzt und schwach, und es ist in der Tat wahr, dass man zu dem wird, wofür man sich selbst hält. Aber die Seele ist ein Teil des Herrn, und der Herr ist unendlich. Wenn das Teil eine Zeitlang an das Unendliche denkt, findet es sich selbst als unendlich wieder.

Du bist ein Teil des Unendlichen, und wenn du eine Zeitlang an das Unendliche denkst, wirst du unendlich werden.

Wenn die Seele mit dem Herrn verbunden ist, erhält sie unendliche Stärke aus Seinem Strom von Kräften. Obwohl du endlich bist, gibt es in Dir eine Kraft, die unendlich ist. Dies ist der Herr Selbst. Indem man dies versteht, beginnt man die Realität der Tatsache zu erfassen, dass die Seele und der Herr Eins sind. Die Seele nimmt die Färbung des Herrn an und wird Eins mit Ihm.

Der Vater und der Sohn sind in der gleichen Farbe gefärbt.

Bhairo M5, 1161-15

Ich und mein Vater sind Eins.

Bibel

Diejenigen mit wahrer Intelligenz gehen nach Innen und beten. Dann erlangen sie Vorteil von der barmherzigen Strömung des Herrn. Diejenigen mit geringerer Weisheit verehren Symbole oder gehen in Moscheen oder Tempel, wo es Götzen gibt, und beten vor ihnen. Es gibt diejenigen, welche die Spirituellen Regionen kennen und hineingehen und direkte Hilfe durch den (universalen) Geist3 erhalten, während es andere gibt, die zu bestimmten heiligen Orte wie Flüssen usw. gehen und dort beten. Sie alle erzielen Ergebnisse, entsprechend der auf einen Punkt ausgerichteten Aufmerksamkeit4 ihres Gemütes und (ihres) Glaubens. Keine solche Handlung ist ohne Ergebnisse.

Einige leugnen die Existenz Gottes und halten es nicht für angemessen, Gebete darzubringen. Der Herr ist unsichtbar und nicht zu schauen. Er kann nicht von den Sinnen gesehen werden. Doch Er durchdringt unsere Seele. Er ist nicht von uns getrennt, ob wir an Ihn glauben oder nicht. Er ist die Seele unserer Seelen. Er stützt sie. Er ist in Wahrheit Einer – Mahatmas nennen Ihn bei verschiedenen Namen (siehe Kapitel über Namen).

Wir haben bereits gesagt, dass das Gebet als Beruhigen der inneren Gefühle am Geisteszentrum1 beschrieben werden kann. Dazu gehören Losgelöstsein und Übung, Wissen und Kontemplation sowie Anbetung und Rezitation.

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Fußnote: 1) Gemeint ist der Augenbrennpunkt hinter und zwischen den Augenbrauen.

2) Engl. ‚one-pointed‘ – oft mit ‚einpünktig‘ übersetzt. Dieser Begriff wird auch in menschengemachten Yogawegen verwendet, um die Konzentration auf einen Punkt zu beschreiben, was dazu dienen soll, die Gemütswellen zu beruhigen. Im Surat Shabd Yoga führt die Konzentration am Augenbrennpunkt auf den Shabd, Welcher Sich als Inneres Licht und Innerer Ton offenbart, zur gewünschten Ausgerichtetheit. Der Shabd, Welcher ewig ist und direkt vom Vater kommt, hat die Kraft, das Gemüt zu beruhigen.

Im Hören auf den Ton wird das Gemüt beruhigt, keines der zahllosen Mittel kann dieses Wunder bewirken. Der Yogi führt die Yoga-Übungen aus, der Jnani ist vertieft in Jnana. Der Eremit ermüdet in seiner Einsamkeit. Der Einsiedler unterzieht sich endlosen Härten. Jene, die über mentale Bilder meditieren, leiden ebenso unter einer großen Täuschung. Wissen und Gelehrsamkeit sind nicht von großem Nutzen, denn am Ende werden die Klugen ihre Klugheit beklagen. Der Pandit befaßt sich mit dem Rezitieren der Veden, doch all sein heiliges Wissen bringt ihn Gott nicht näher. Kein anderes Mittel ist von irgendeiner Bedeutung, der einzig nützliche Weg ist der von Shabd. Wenn ein Meister des Tonstroms auf der Bildfläche erscheint, hat der Schüler Verlangen nach der neuen Geburt. Durch die Praxis des Surat Shabd Yoga versinkt der Gemütsstoff allmählich in sich, bis nichts mehr verbleibt.

Soami Shiv Dayal Singh, Sar Bachan 216

3) Engl. ‚through the mind‘. Dies bezieht sich auf den universalen Geist (universal mind).

4) Engl. ‚one-pointedness‘ – oft mit ‚Einpünktigkeit‘ übersetzt. Siehe 2).